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Sicherheitspolitik

FoMngt/LVAk

Von der Gründung Albaniens zum Ersten Weltkrieg

Tagung der LVAk und der Albanischen Botschaft

In einer mehrjährigen militärhistorischen Veranstaltungsreihe „Vom Ersten Weltkrieg zur Neuordnung Mitteleuropas“ setzt sich die Landesverteidigungsakademie mit den vielschichtigen Ursachen des Weltkrieges bis zum endgültigen Bestehen Österreichs in den heutigen Staatsgrenzen auseinander. In internationalen Herbsttagungen werden bis zum Jahr 2021 jährlich die Ereignisse der Jahre 1912 und 1921 wissenschaftlich beleuchtet.


Von 30. September bis 2. Oktober 2013 galt, in Kooperation mit der albanischen Botschaft, die Aufmerksamkeit dem Jahr 1913 und der Gründung des Staates Albanien, bei der ein letzter Versuch erkennbar ist, mit Mitteln der kollektiven Sicherheit einen größeren Konflikt im Südosten Europas zu vermeiden. Über 80 Diplomaten, Historiker und Regionalexperten aus Albanien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Rumänien, Serbien, den USA und Österreich nahmen an der Veranstaltung teil und analysierten die Ereignisse der Balkankriege 1912/1913, der Gründung des Staates Albanien und den Weg zum Ersten Weltkrieg.

Impulse für Albanien
GenLt Erich Csitkovits, der Kommandant der LVAk, zog in seiner Begrüßungsansprache einen Vergleich zwischen den damaligen und den gegenwärtigen Mechanismen des Krisenmanagements und hob v.a. die Relevanz der Analyse historischer Gegebenheiten für aktuelle politische Ereignisse hervor. Insbesondere die Verbindungen zwischen vergangenen und künftigen Entwicklungen am Balkan sind auch im Kontext der Konferenz und in Hinblick auf den EU-Integrationsprozess von Bedeutung. Csitkovits ging auch auf die langjährige Kooperation zwischen Albanien und Österreich ein. Nach der Gründung Albaniens waren von Österreich-Ungarn deutliche Impulse für eine Verbesserung des Bildungswesens und der Infrastruktur in Albanien sowie für eine Reorganisation der Streitkräfte ausgegangen. In Fortsetzung dieser guten Tradition habe die LVAk, so der Kommandant, die Kontakte mit Albanien vor ca. 20 Jahren wiederbelebt und seither immer wieder Kursteilnehmer aus dem albanischen Offizierskorps willkommen heißen können.

Riegel gegen Serbien
Das Gleichgewicht der Mächte in Europa, das seit dem Wiener Kongress bestanden hatte, begann ab dem Ende des 19. Jh. und besonders im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg deutlich zu erodieren. Der damals wiederauflebende Imperialismus, der zunehmende Nationalismus, der die frühere Kooperationsbereitschaft der europäischen Mächte zu ersetzen begonnen hatte, und ein Machtvakuum, das durch den Niedergang des Osmanischen Reiches hervorgerufen worden war, führten insbesondere am Balkan, aber auch in anderen Teilen der Welt zu einer Zunahme von Spannungen. Die Krisenintervalle wurden immer kürzer und gleichzeitig waren, wie sich im Burenkrieg oder im russisch-japanischen Krieg gezeigt hatte, neue Rahmenbedingungen für militärische Auseinandersetzungen erkennbar geworden. Bei den beiden Balkankriegen von 1912 und 1913 gelang aber den europäischen Großmächten gerade noch einmal eine Konflikteingrenzung. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Balkankrieg, der im Zuge dieser zeitgeschichtlichen Serie an der LVAk im vergangenen Jahr behandelt worden ist, haben die Großmächte 1913 auf der Botschafterkonferenz von London die Gründung Albaniens als souveränen Staat akzeptiert, der danach mit politischer und militärischer Hilfe Österreich-Ungarns ausgerufen wurde. Für die Doppelmonarchie und Italien schien dies ein probater Weg, Serbien einen Adriazugang vorzuenthalten. Russland war zufrieden, solange andererseits seine kleineren Verbündeten am Balkan damit stabilisiert wurden. Großbritannien erkannte darin eine Möglichkeit, eine Verwicklung in einen potenziellen Konflikt in Südosteuropa zu vermeiden. Frankreich und Deutschland wiederum konnten mit ihrer Zustimmung zu einem souveränen Albanien ihren jeweiligen Verbündeten den Rücken zu stärken.

Monarch von fremden Gnaden
Da die damals noch konsensorientierten Großmächte aber daran zweifelten, dass die Albaner sich selbst regieren könnten, behielten sie sich das Recht vor, einen Fürsten ihrer Wahl zum Staatsoberhaupt zu bestimmen. Diese Wahl fiel als Kompromiss schließlich auf den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied, von dem erkennbar war, dass er zu schwach sein werde, eine eigenständige Albanienpolitik gegenüber den Nachbarstaaten und schon gar nicht gegenüber den Großmächten entwickeln zu können. Österreich-Ungarn und Deutschland wollten mit seiner Einsetzung aber auch sicherstellen, dass weder Italien noch Serbien wesentlichen Einfluss auf Albanien erlangen könnten. Zudem glaubte man, dass ein protestantischer Fürst, der keiner der in Albanien vertretenen Religionen angehörte, als neutral akzeptiert und somit ein stabilisierender Faktor werden würde. Im März 1914 traf Fürst Wilhelm I. in Albanien ein, konnte aber seinen Einfluss kaum über die Hafenstadt Durrës hinaus ausdehnen und sich auch nur über sechs Monate an der Macht halten. Es gelang ihm nicht, beim Volk und den albanischen Machthabern Ansehen zu gewinnen. Machtkämpfe von albanischen Lokalherren und die divergierende Interessen ausländischer Staaten, auch solcher von deren finanzieller, politischer und militärischer Unterstützung der Fürst abhängig war, beherrschten bald den Alltag. Im Süden versuchte darüber hinaus Griechenland stärker an Einfluss zu gewinnen und es kam zur Ausrufung des Staates Nordepirus. Einige albanische Führer wollten selber an den Thron und Muslime aus Mittelalbanien griffen sogar die Hauptstadt an. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die Lage ausweglos, da das Interesse der Großmächte an Albanien überhaupt verloren gegangen schien und der Fürst am 3. September 1914 wieder das Land verließ. Im Weltkrieg verlor Albanien vorübergehend wieder seine Unabhängigkeit und war von den kriegführenden Mächten besetzt.

Komplexer Problembereich
Im Verlauf der Tagung wurde vertiefend das politische und militärische Umfeld vor und während der Staatswerdung Albaniens behandelt. Dabei kamen die damaligen strategischen und politischen Ziele Serbiens, Griechenlands, Montenegros, Rumäniens und der Mittelmächte zur Diskussion. Auch die durchaus nicht immer deckungsgleichen oder spannungsfreien Positionen des Deutschen Reiches und von Österreich-Ungarn wurden dargestellt. Es wurde weiter aufgezeigt, wie komplex seinerzeit aufgrund der ethnischen, sprachlichen, kulturellen und religiösen Verzahnung der Bevölkerung in diesen Provinzen des Osmanischen Reiches das Problemfeld der „nationalen“ Identitäten war, und wie die Auswirkungen davon sich bis in unsere heutige Gegenwart erstrecken. Spezielle Aufmerksamkeit galt aber auch der damaligen größeren Region Mazedonien, wo es schon lange vor den Balkankriegen zu Unruhen und Zusammenstößen zwischen diesen in Entstehung begriffenen nationalen Gruppierungen und dem schwächelnden Osmanischen Reich gekommen war.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 3/2014 vom 12. Februar

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