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wehrtechnik

Obst iR Kurt Gärtner

VTOL-Hubschrauberdrohne

Aufklärung, Erkundung und Grenzschutz

Das Erscheinungsbild militärischer Operationen hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich geändert. Multifunktionale Streitkräfte in Stabilisierungsoperationen haben zunehmend mit einer asymmetrischen Kriegsführung zu tun, wobei die taktische Aufklärung mit Drohnen für die Erarbeitung des Lagebildes eine wesentliche Rolle spielt. Die zivile und polizeiliche Nutzung von UAS (Unmanned Aerial Systems) weist eine steigende Tendenz auf. Auch der Grenzschutz wird künftig eine große Rolle spielen.


Asymmetrisches Einsatzszenario
Der Raum, in dem Streitkräfte bei Friedensmissionen eingesetzt werden, umfasst ländliche Gebiete mit geringer Infrastruktur bis hin zu dicht besiedelten, urbanen Bevölkerungszentren. Die Konfliktparteien können staatliche Sicherheitskräfte, terroristische Gruppierungen, Aufständische oder kriminelle Banden sein. Die Unterscheidung zwischen Kämpfern und unbeteiligten Zivilisten ist schwierig und nicht selten werden Zivilpersonen in Kampfhandlungen hineingezogen. Militärische Stabilisierungsoperationen finden zunehmend in einem asymmetrischen Umfeld statt. Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von militärischen Friedensmissionen ist ein umfassendes Lagebild. Die einzelnen Konfliktparteien müssen zuverlässig unterschieden werden, Menschenansammlungen und Gefahrenpotenziale rechtzeitig erkannt werden, um flexibel und rasch auf Lageänderungen reagieren zu können. Aufklärungsdrohnen sorgen für eine Informationsüberlegenheit bei Friedensmissionen, egal ob es sich um die Überwachung von Flüchtlingsbewegungen oder um Einsätze im Rahmen von friedensschaffenden, friedenserhaltenden und friedenserzwingenden Maßnahmen handelt. Sie liefern in Echtzeit den Truppen am Boden oftmals lebenswichtige Aufklärungsergebnisse, ohne dass sich Soldaten in unbekanntes oder gar feindliches Gebiet begeben müssen.

Klassifizierung von Drohnen
Da jede militärische Beschaffung Geld kostet, stellt sich für jeden Staat die Frage, soll sich in multinationalen Auslandeinsätzen die eigene Truppe gänzlich auf andere Nationen verlassen müssen oder soll sie durch taktische Aufklärungsdrohnen ein ergänzendes präzises Lagebild über ihren Verantwortungsbereich erhalten. Ob eine Drohne der Klasse HALE (High Altitude Long Endurance) oder MALE (Medium Altitude Long Endurance) oder eine VTOL (Vertical Take Off and Landing)- Hubschrauberdrohne beschafft wird, hängt von den zu bewältigenden Einsatzszenarien und dem daraus abgeleiteten Anforderungskatalog ab. Natürlich sind in Zeiten des Sparens auch die Beschaffungs- und Betriebskosten ein entscheidendes Bewertungskriterium. Jedenfalls braucht man für die Überwachung grenznaher Räume nicht unbedingt hoch fliegende, waffenfähige Drohnen. Der von der österreichischen Fa. Schiebel erzeugte Camcopter S-100 ist eine technisch ausgereifte VTOLHubschrauberdrohne. Er ist kleiner und bedeutend billiger als die Fixflügel- Drohnen, jedoch sind die Leistungen in den Bereichen Geschwindigkeit, Reichweite, Flughöhe, Einsatzdauer und Nutzlast geringer. Die Betriebsstunde eines S-100 ist um ein Vielfaches billiger als die Flugstunde eines bemannten Hubschraubers. Besonders begehrt ist der Camcopter S-100 bei Seestreitkräften. In anspruchsvollen Missionen auf See konnte er seine Leistungsfähigkeit bei verschiedenen Tests auch unter extremen Windbedingungen beweisen.

Autonome Missionsdurchführung der S-100
Der Camcopter S-100 bietet vielseitige Anwendungsmöglichkeiten im militärischen und zivilen Bereich. Er kann eine Mission autonom durchführen, aber auch jederzeit im Flug umprogrammiert werden, um bspw. wegen einer Lageänderung einen anderen Auftrag zu erfüllen. Über eine Relaisfunktionalität kann er auch in engen Tälern operieren. Das Fluggerät wird über vorprogrammierte GPS-Wegpunkte navigiert oder manuell über ein einfaches, aber stabiles Flugsteuerungssystem bedient. Die Programmierung eines autonomen Einsatzes erfolgt mit Mausklick auf einer grafischen Benutzeroberfläche. Überlagerte Trägheitsnavigationssysteme (INS) und globale Positionierungssysteme (GPS) gewährleisten eine genaue Navigation. Wird die Datenverbindung unterbrochen, dann kehrt der S-100 unverzüglich zum Startplatz zurück. Die senkrecht startende Hubschrauberdrohne braucht keine Start- und Landebahn und kann im Schwebeflug über dem Aufklärungsziel fliegen. Bei einem maximalen Abfluggewicht von 200 kg hat die 3,11 m lange Drohne eine Reichweite von 180 km. An Nutzlast kann der S-100 bis zu 50 kg mitnehmen. Die Drohne ist in der Lage, neben elektrooptischen und Infrarot-Sensoren für Tagesund Nachtsicht auch SAR (Synthetic Aperture Radar) und elektromagnetische Überwachungsgeräte einzusetzen. Weitere optionale Nutzlasten sind: Transponder, Lautsprecher oder auch Abwurfbehälter für Flugblätter sowie Markierkörper. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 105 km/h und die Höchstgeschwindigkeit wird mit 220 km/h angegeben. Die Dienstgipfelhöhe mit geringer Nutzlast beträgt 5.500 m. Mit vollem Tank und einer Nutzlast von 34 kg beträgt die maximale Einsatzdauer 6 Std.

Bodenstation
Die Bodenstation des Camcopter S-100 hat ein aktiviertes Datennetz und kann in jegliche Windows-basierte Architektur integriert werden. Die leistungsfähige Systemsoftware wird über eine einfach bedienbare Operateur-Schnittstelle gehandhabt. Zur Planung und Steuerung der Missionen hat der Operateur (Drohnenpilot) einen sofortigen Zugriff auf die wichtigsten Parameter und er sieht am Arbeitsplatz sowohl die Position als auch Statusinformationen der Drohne in Echtzeit. Zudem kann der Camcopter jederzeit mittels Joystick auch manuell gesteuert werden, wobei die jeweiligen Flugbefehle über den Bordcomputer berechnet und umgesetzt werden. Ein zweiter Arbeitsplatz (Sensoroperateur) dient der Nutzlaststeuerung sowie der Auswertung und Aufzeichnung der Sensordaten. Parallel können auf vier Kanälen Videos bzw. Daten ausgewählt bzw. dargestellt werden. Die Gerätezusammenstellung der Bodenstation ist flexibel und hängt vom Kundenwunsch ab. Der Camcopter S-100 kann über zwei Laptops betrieben werden oder nahtlos in ein übergeordnetes System integriert werden. Der CUBE ist das Gehirn am Boden und dient als Schnittstelle zwischen der Drohne, allen Bodenelementen und weiteren Datennetzen. Diese koffergroße Kontrollstation verbindet somit die Hubschrauberdrohne mit dem Bodenpersonal. Die Bodenstation kann sowohl in einen Container als auch in ein Fahrzeug eingebaut oder in die Kommandozentrale eines Schiffes integriert werden.

Einsatzmöglichkeiten
Gerade wenn Soldaten eingespart werden, dann sind technische Mittel für Sicherung und Aufklärung zu nutzen. Neben den üblichen Aufklärungs- und Erkundungsaufgaben kann der Camcopter S-100 für folgende militärische Aufgaben eingesetzt werden: Überwachung von Bewegungslinien, Überwachung von Konvois, Grenzschutz, Suche nach Sprengfallen und Minen, ABC-Überwachung, Objektsicherung, Schadenserfassung, Zielund Wirkungsaufklärung. Die relativ einfache Technologie bietet auch ein breites Einsatzspektrum im zivilen und polizeilichen Bereich. Folgende Aufgaben sind denkbar: Grenzsicherung, Schmuggel- und Schlepperbekämpfung, Überwachung Kritischer Infrastrukturen, Überwachung von Großveranstaltungen, Verkehr süberwachung, Such- und Rettungsdienst, Erkundung und Schadensfeststellung bei Katastrophen, Waldbrandüberwachung, Erkundungsflüge zur Unterstützung des Lawinenwarndienstes, Inspektion wichtiger Infrastruktur (z.B. Eisenbahn, Hochspannungsleitungen) und Luftaufnahmen. Damit kein Irrtum entsteht: UAS können weder Transpor thubschrauber noch Abfangjäger ersetzen. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 14/2012 vom 18. Juli

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