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Waffennachschub für Hamas und Hisbollah

Die mediale Aufregung um das von israelischen Kommandos am Weg nach Gaza im Mai 2010 gewaltsam aufgebrachte türkische Schiff „Mavi Marmara“ ist noch in Erinnerung. Ebenso das vielfach kritisierte israelische Motiv, wegen vermuteter Unterstützung der radikalen palästinensischen Hamas, die Blockade des Gaza-Streifens unbedingt aufrechtzuerhalten. 


Nun haben die israelischen Militärs erneut Bestätigung erhalten, dass ihre Befürchtungen nicht übertrieben sind. Es geht – nicht zum ersten Mal – um direkte militärische Unterstützung für Hamas und Hisbollah. Der Absender der „Hilfsgüter“ ist nicht neu, ebenso die „Abstecher“ über Ägypten, trotz der dortigen politischen Umwälzungen. Am Morgen des 15. März gingen israelische „Shayetet“ Marinekommandos der 13. Flottille per Hubschrauber etwa 300 km westlich der israelischen Küste ohne Gegenwehr an Bord des Frachtmotorschiffes „Victoria“. Das Schiff gehört einem deutschen Eigner, fuhr im Auftrag einer französischen Reederei und führte die liberianische Flagge. Zwar wird es als Routinekontrolle dargestellt, Israels Dienste hatten die „Victoria“ aber offenbar beobachtet, seit sie zwei Tage zuvor von Latakia/Syrien nach Mersin/Türkei gefahren war. Am Rückweg von Mersin nach Alexandria/ Ägypten, wurde das Schiff schließlich aufgebracht. Wie die israelischen Streitkräfte – offenbar im Lichte der Ereignisse von vor einem Jahr – betonen, hätte die Türkei explizit nichts mit dem Folgenden zu tun. Ebenso das offizielle Deutschland. Gleichwohl wurden die Regierungen aller involvierten Länder informiert.

50 Tonnen
Nach dem Anlegen im israelischen Hafen Ashdod wurden die Frachträume der „Victoria“ einer genauen Durchsuchung unterzogen, was, wie offenbar im Vorfeld bereits vermutet, das erwartete Ergebnis brachte. Das Ausmaß des „Treffers“ veranlasste Konteradmiral Rani Ben-Yehuda, den stv. Kommandanten der israelischen Marine, zu einer eiligen Pressekonferenz, zu der sich – ein Novum – sogar Premierminister Netanjahu und Verteidigungsminister Barak einfanden.
   Versteckt unter diversem Stück- bzw. Massengut, fanden sich 50 t militärischer Ausrüstung bzw. Munition. Eine veröffentlichte Auflistung stellt sich wie folgt dar:
• 230 Stk. 120 mm Granatwerfer- Munition
• 2.270 Stk. 60 mm Granatwerfer- Munition
• 6 Stk. Chinesische C-704 Anti-Schiffs-Flugkörper, 35 km Reichweite, 130 kg Gefechtskopf
• 2 Stk. „Kelvin-Hughes“- Radarsysteme aus England, für C-704
• 2 Stk. hydraulische Montagevorrichtungen für die Radargeräte
• 2 Stk. nicht näher beschriebene Abschussvorrichtungen
• 66.960 Stk. 7,62 mm Vollmantelmunition für Kalaschnikow AK-47
Verschiedene Dokumente bei den Waffen würden anhand von Stempeln und staatlichen Logos ziemlich eindeutig iranische Herkunft belegen bzw. waren in Farsi abgefasst. Das würde, so Konteradmiral Yehuda, „die fortgesetzten Versuche Teherans und Damaskus belegen, terroristische Organisationen im Gaza-Streifen und darüber hinaus zu stärken bzw. zu bewaffnen“. Man nimmt an, dass jene Ausrüstung den Weg über Ägypten durch einen Tunnel nach Gaza hätte nehmen sollen, vielleicht ein erster „Test“ nach der Ära Mubarak. Außerdem wies man auf die Präsenz zweier Schiffe der iranischen Marine (IRIN) im syrischen Latakia hin. Israel hatte gegen die Passage vom 22. Februar der Fregatte „Alvand“ und des Versorgers „Khark“ (beide britischer Herkunft) durch den Suez- Kanal international breite Bedenken geäußert, der ersten solcher iranischer Kriegsschiffe seit 32 Jahren. Die „Khark“ ist übrigens mit 33.000 BRT das größte Schiff der IRIN.

Skepsis allerorten
US-Stellen teilten jene Skepsis. Der Sprecher des US-Außenmini ster iums P.J. Crowley sagte, er wäre „höchst skeptisch“ gegenüber syrischen Angaben, dass die beiden Schiffe einen Ausbildungsbesuch absolvierten. „Es geht nicht um die Schiffe selbst, es geht darum, was sie transportieren, wohin das gelangt bzw. wer Nutznießer jener Fracht ist – und zu welchem Zweck“, so Crowley. Israel wollte offiziell zwar nicht von einer direkten Beweiskette zwischen den beiden iranischen Kriegsschiffen und der „Victoria“ sprechen, jedenfalls hätte aber kein Wort in den Frachtpapieren der „Victoria“ auf jene Rüstungsgüter hingewiesen – eine Verletzung der Bestimmungen sämtlicher internationaler maritimer Sicherheits- und Gefahrengut-Konventionen wie SOLAS und IMDG. „Warum machen die das?“, fragte Konteradmiral Yehuda und fügte gleich hinzu: „Israel kann es nicht gestatten, dass Waffen und militärische Ausrüstung in die Hände von Terroristen gelangen, die sie gegen seine Zivilbevölkerung einsetzen. Wenn die Weltgemeinschaft hier nicht handeln kann oder will, Israel wird.“

Iran dementiert, neue Situation in Ägypten
Der iranische Armeekommandant, General Amir Ataollah Salehi, hat tags darauf auf die israelische Pressekonferenz im Hafen von Ashdod reagiert. „Wir weisen diese falschen Anschuldigungen zurück. Die bittere Diät des zionistischen Regimes besteht aus Lügen, Lügen und nochmals Lügen. Das zionistische Regime ist noch immer der Unterdrücker, aber es gibt ein Erwachen im Mittleren Osten und in Nordafrika. Seit dem Verschwinden des ägyptischen Pharao kalkuliert Israel seinen unausweichlichen Niedergang. Mit Gottes Wille werden sie auf den Boden des Mittelmeeres sinken.“
  Vielleicht deutet letzterer Wunsch doch „blumig“ auf die erwähnten Anti- Schiffsraketen hin. Sie hatten schon – von Land aus – während des Konflikts 2006 die israelische Fregatte INS „Hanit“ getroffen. 2002 hat die israelische Marine die „Karin A“ abgefangen, ein Schiff, das ebenfalls 50 t fortschrittliche Waffen und Raketen geladen hatte, die vom Iran der Hisbollah zur Verfügung gestellt worden waren und die sich durch die Gewässer vor Gaza auf dem Weg zu palästinensischen Gruppen befanden. 2006 lehnten türkische Behörden einen iranischen Flugplan nach Syrien ab, nachdem US-Satellitenbilder das Verladen von chinesischen C-802 Anti-Schiffsraketen in jenes Flugzeug auf der militärischen Seite von Tehran/Mehrabad zeigten. Im Jänner 2009 hatte das US-Marinepersonal bereits im Roten Meer an Bord des russischen Schiffes „Monchegorsk“ Artilleriemunition und -raketen gefunden, es wurde aus rechtlichen Gründen in Zypern entladen. Im November 2009 gingen „Shayetet“-Kommandos zwischen Zypern und Israel an Bord der „MV Francop“ (deutsches Schiff, Flagge Antigua), in Ashdod wurden lt. Konteradmiral Yehuda „in 36 iranisch z.B. als Bulldozer-Teile beschrifteten Containern 500 t Munition gefunden, mit 9.000 Stk. Granatwerfermunition und 3.000 Katjuscha-Raketen die bisher größte aufgebrachte Ladung. Das Material wurde zuvor von einem iranischen Schiff von Bandar Abbas nach Damietta/Ägypten gebracht. Ziel war Latakia“.
  Jene Versorgungslinien für Hamas und Hisbollah werden offenbar bis heute weiter genutzt und lassen nach über 60 Jahren Konflikt eine friedliche Nahost- bzw. Zwei-Staaten-Lösung weiterhin als Illusion erscheinen. Es geht – natürlich auch z.B. durch israelischen Siedlungsbau und rigides Besatzungsregime – sogar eher in Richtung neuer bewaffneter Auseinandersetzungen. Für Israel nach den jüngsten Umwälzungen in seiner Nachbarschaft dabei signifikant: 92 % der Befragten einer kürzlich durchgeführten Umfrage unter 1.000 Ägyptern im Alter über 18 nannten Israel „einen Feindstaat“, 32 Jahre nach dem „Camp- David“-Friedensabkommen von Begin und Sadat. Der ägyptische Übergangs- Premier Sharaf und sein neuer Außenminister Nabil al-Arabi haben am 7. März die Absicht geäußert, „einige Punkte darin zu überprüfen“. Gleich nach Mubaraks Sturz hatte die Übergangsregierung Israel noch offiziell Vertragstreue zugesichert. Ferner spricht sich al-Arabi, zuvor Richter am Tribunal in Den Haag und Mitverfasser vieler Israel-kritischer UNResolutionen, für die Grenzöffnung zwischen Ägypten und Gaza aus. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 7/2011 vom 6. April

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