HGM Eröffnung Erster Weltkrieg ab 29. JuniStrategie und Sicherheit 2014Vehling VerlagHeeresgeschichtliches MuseumVerein Alt-NeustadtStrategischer Führungslehrgang
sicherheitspolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Wehrpflicht vs. Berufsheer

Im Rahmen einer Serie werden im SOLDAT innerhalb der nächsten Monate spezielle Themen als Beitrag zur Diskussion „Wehrpflicht vs. Berufsheer“ veröffentlicht. Im ersten Beitrag vergleicht der Autor die militärischen Personalstrukturen beider unterschiedlicher Wehrsysteme. Ein besonderes Augenmerk legt der Autor auf die Probleme mit der Personalstruktur bei der Umstellung von Wehrsystemen, die die Streitkräfte unbedingt zu berücksichtigen haben, wollen sie nach der Umstellung weiterhin über effiziente Streitkräftestrukturen in personeller Hinsicht verfügen. 


Personalstruktur von Wehrpflichtigenstreitkräften
Wehrpflichtigenstreitkräfte setzen sich aus Berufskadersoldaten und Wehrpflichtigen zusammen. Wehrpflichtige dienen aufgrund gesetzlicher Zwangsmaßnahmen nur auf kurze Zeit (in Europa vier bis sechs Monate) bei den Streitkräften. Unter den militärischen Fachleuten hat sich heute weitgehend die Meinung durchgesetzt, dass eine militärische Dienstleistung von Wehrpflichtigen in der Dauer von nur ein paar Monaten militärisch wenig Sinn macht und auch vom ökonomischen Standpunkt die Ausbildung der Wehrpflichtigen im Wesentlichen unwirtschaftlich ist, da die Soldaten nach der Ausbildung nur kurz in der Organisation verwendet und nicht mehr zu Übungen eingezogen werden. Die dadurch vergeudeten Budgetmittel können beträchtlich sein, etwa wenn bspw. ein Wehrpflichtiger eine Spezialausbildung erhält, die nach dem Abrüsten für ihn keinen weiteren Nutzen bringt, oder er mit teuren Ausbildungsmitteln geschult werden muss. Des Weiteren herrscht auch die Meinung vor, dass Wehrpflichtige auch ohne umfassende Ausbildung in Katastropheneinsätzen verwendet werden können. Eine Bedeutung als Rekrutierungsbasis haben die Wehrpflichtigen aber in jedem Falle. Dies sieht bspw. auch die Dänische Armee so vor. In Dänemark werden die Wehrpflichtigen nur vier Monate eingezogen (ein kleiner Teil davon dient bei der Garde). Während dieser vier Monate erhalten die Wehrpflichtigen einen Einblick in die Tätigkeiten bei den Streitkräften und werden dadurch motiviert, sich als Längerdienende zu verpflichten.
  Beim Berufskadersoldaten wird der Großteil freiwillig bis zum 60. bzw. 65. Lebensjahr und ein kleinerer Anteil einige Jahre als zeitverpflichtete Soldaten Dienst bei den Streitkräften versehen. Die zeitverpflichteten Soldaten sind eine wichtige Rekrutierungsbasis für den Berufskader, der bis zur Pensionierung mit dem 60. bzw. 65. Lebensjahr bei den Streitkräften Dienst versieht. Bei Wehrpflichtigenstreitkräften stellt sich der Wiedereintritt von ehemaligem Berufskaderpersonal nur in einem geringen Ausmaß und wird durch Begleitmaßnahmen unmittelbar vor dem Abrüsten von zeitverpflichteten Soldaten sichergestellt, etwa durch die Bezahlung einer Berufsausbildung durch die Streitkräfte.

Personalstruktur von Berufsstreitkräften
Berufsstreitkräfte verfügen nur über Berufskadersoldaten, die auf dem Arbeitsmarkt rekrutiert werden. Bei diesen Berufskadersoldaten können wir eine weitere Unterscheidung vornehmen, u.zw. in Berufskadersoldaten, die bis zum 60. bzw. 65. Lebensjahr Dienst versehen und Berufskadersoldaten, die nur auf Zeit verwendet werden, bspw. 3 bis 5 Jahre als Mannschaften oder Chargen oder 10 bis 18 Jahre als Offiziere oder Unteroffiziere. Die jeweilige konkrete Verpflichtungsdauer ist von Staat zu Staat verschieden lang. Systemimmanent bei Berufsstreitkräften ist die geringe Anzahl an Berufssoldaten, die bis zum 60. Lebensjahr bei den Streitkräften Dienst tun können. Im Fall von eher klein gehaltenen Berufsstreitkräften im Umfang von 15.000 bis 20.000 Militärpersonen werden höchstens zwischen 300 bis 500 Militärpersonen einen höheren Dienstgrad als Major/ Oberstleutnant bei den Offizieren und Stabswachtmeister/ Oberstabswachtmeister bei den Unteroffizieren erlangen können.
  Eine besondere Bedeutung kommt der Qualifikation der Bewerber zu. Da die Streitkräfte nur einer unter mehreren Nachfragern nach qualifizierten Arbeitskräften am Arbeitsmarkt sind, müssen alle Rahmenbedingen stimmen, um das bestqualifizierte Personal auch tatsächlich rekrutieren zu können. Um genügend Personal gewinnen zu können, spielen der Lohn, die Arbeitsbedingungen und das Ausstiegsszenario nach der Dienstleistung beim Heer eine große Rolle.

Worst Case-Szenario
Stellen Sie sich vor, es fällt plötzlich aus heiterem Himmel die Entscheidung, die Wehrpflicht mit dem nächsten Monatsersten auszusetzen. Die Folgen wären für das Bundesheer gravierend. Da es plötzlich keine Wehrpflichtigen mehr für die Aufrechterhaltung des Betriebes gäbe, müssten entweder die Berufssoldaten alle Tätigkeiten, die bislang von Wehrpflichtigen besorgt wurden, wahrnehmen oder es müssten private Dienstleister mit der Besorgung dieser Aufgaben betraut werden. Letztere Möglichkeit wird nur im eingeschränkten Umfang möglich sein, da das geringe Verteidigungsbudget keine großen zusätzlichen Ausgaben beim Betrieb zulassen wird. Eine Einsparungsmöglichkeit beim Betrieb ergibt sich jedoch durch Strukturänderungen, wie sie auch in Krisenzeiten von der Privatwirtschaft durchgeführt werden. Durch die Schließung von Garnisonen und die Reduzierung von Kommanden können Arbeitsplätze im Betrieb wegrationalisiert werden und auch Personal für andere Aufgaben verfügbar gemacht werden. Nichtsdestotrotz werden in diesem Szenario zumindest einige Zeit lang Berufsoldaten für sie bis dato ungewöhnliche Tätigkeiten durchzuführen haben. Diese Tätigkeiten können vom Kartoffelschälen über den Betrieb von Betreuungseinrichtungen bis hin zur Kasernensicherung gehen.
  Durch einen plötzlichen Wegfall der Wehrpflicht würde das System nicht sofort kollabieren. Mit dem verfügbaren Personal könnte das Bundesheer allerdings nur eine kurze Zeit seine Aufgaben weiter erfüllen, etwa Auslandseinsätze und Katastropheneinsätze. Besonders gravierend würde sich der Wegfall der Wehrpflicht für die Rekrutierung auswirken, da die Wehrpflichtigen die Rekrutierungsbasis für die Anwerbung von Berufskaderpersonal sind. Es wäre daher in dem geschilderten Szenario zu erwarten, dass das Bundesheer durch den fehlenden Nachwuchs in seiner Altersstruktur vergreist und nicht mehr alle gestellten Aufgaben erfüllen können wird. Gibt es keine oder zu wenige Interessenten für den Soldatenberuf, kann man sich ausrechnen, wann das Bundesheer durch die natürlichen Abgänge infolge von Pensionierungen aufhört zu bestehen.

Ohne Vorbereitungen mangelhafte Umstellung
Wie bereits erwähnt wurde, sind die Organisationsstrukturen der beiden Formen von Wehrsystemen unterschiedlich. Eine besondere Bedeutung gewinnt dieser Unterschied bei der Umstellung des Wehrsystems.
  In der Vergangenheit haben in Europa die einzelnen Staaten unterschiedliche Zugänge zur Umstellung ihres Wehrsystems gewählt. Während einige Staaten sehr genaue Planungen durchgeführt haben und auch die besten Möglichkeiten am Arbeitsmarkt für die Umstellung abgewartet haben, stellten einige Staaten ihr Wehrsystem in einer Art Torschlusspanik übereilt um. In diese letztere Gruppe von Staaten ist bspw. Belgien einzuordnen, in die erste Gruppe sicherlich die Niederlande, die vor der Umstellung umfassende Analysen und Planungsvorgänge durchgeführt haben, ehe sie sich entschlossen, ihr Wehrsystem umzustellen. Im Fall von Belgien erfolgte die Umstellung überhastet, was sich letztendlich bei der Notwendigkeit der Freisetzung von Personal äußerst negativ bemerkbar gemacht hat.   Österreich sollte die Erfahrungen der einzelnen Länder sorgfältig studieren. Es wäre fatal, zu glauben, man könne ohne den Blick über die Grenzen einen eigenständigen österreichischen Weg bestreiten, wie er oft bei Rüstungsgütern – bei der Beschaffung von sogenannten „OE-Versionen“ – beschritten wurde. Im Fall Österreich bedeutet dies, es wäre fatal, die Wehrpflicht auszusetzen, aber keine weiteren Begleitmaßnahmen anzudenken. Mit der Struktur des Bundesheeres ohne Wehrpflichtige könnte zwar der Betrieb einige Zeit, vielleicht vier bis fünf Jahre, aufrechterhalten und auch die Auslandseinsätze im bisherigen Ausmaß durchgeführt werden, aber danach würde der Kadernachwuchs fast zur Gänze fehlen. Übrig bleiben würden größte Schwierigkeiten beim Betrieb der Streitkräfte und auch bei der Beschickung von Auslandseinsätzen. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 24/2010 vom 15. Dezember

Drucken