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sicherheitspolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

WikiLeaks

Ein Terror der neuen Art oder bloß Information der besonderen Art

Ein Drehbuchautor für einen neuen James Bond-Film könnte die Geschichte nicht besser schreiben, als sie zurzeit allgegenwärtig in der Realität abläuft. Ein von nahezu allen Medien hochstilisierter Bösewicht verbreitet via Internet kompromittierende Sachverhalte, die alle wichtigen Persönlichkeiten des Weltgeschehens umfassen. Bloßgestellt werden damit nicht nur die einzelnen handelnden Personen, sondern es wird dadurch den einfachen Bürgern in aller Welt vor Augen geführt, wie sie durch die Machenschaften der Mächtigen hinters Licht geführt und für dumm verkauft werden. 


Die Geschichte wird möglicherweise aber einen anderen Ausgang nehmen als alle James Bond- Filme bisher. Bei den James Bond-Filmen darf der Held nicht sterben, da die Filmindustrie mit ihm gute Geschäfte macht. Umgekehrt darf bei WikiLeaks der Bösewicht nicht sterben, da man mit ihm vielleicht noch gute Geschäfte machen kann. Der folgende Beitrag geht der Frage nach, ob WikiLeaks eine Form eines neuen Terrors ist oder bloß eine Informa tion der besonderen Art.
WikiLeaks und sein Schöpfer
WikiLeaks ist eine Wortschöpfung aus Wiki (eine im World Wide Web verfügbare Seitensammlung, die von den Benutzern online geändert werden kann; das Wort Wiki selbst stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet schnell) und Leaks (engl., Lecks, Löcher, undichte Stellen). Wiki- Leaks ist eine Internet- Plattform, auf der anonym hochbrisante geheime Dokumente veröffentlicht werden können, bei denen aber ein öffentliches Interesse angenommen wird, dass sie veröffentlicht werden. WikiLeaks will denen zur Seite stehen, die unethisches Verhalten in ihren eigenen Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen. WikiLeaks wurde 2006 von Dissidenten, Journalisten, Mathematikern und Technikern aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika ins Leben gerufen. Von den Betreibern ist nur der australische Programmierer und Autor Julian Assange namentlich bekannt, der als treibende Kraft hinter dem Projekt gilt. Der 1971 in Australien geborene Assange studierte Physik an der University of Melbourne und wird in den Medien als hochintelligent, aber arrogant dargestellt, der enorm selbstsicher auftritt. Seit Juni wird Assange von den Behörden der USA wie ein Terrorist und Staatsfeind Nr. 1 gesucht, weil er die USA bloßgestellt hat wie kaum jemand anderer zuvor. Hintergrund ist die jüngste Verbreitung von über 92.000 geheimen Dokumenten der North Atlantic Treaty Organization (NATO).
Jüngste Enthüllungen über WikiLeaks
Seit mehr als drei Jahren erscheinen auf WikiLeaks Berichte über offensichtliche Missstände offizieller Regierungsstellen, die bislang noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen waren. Den vorläu_ gen Höhepunkt bildeten ein Memorandum der Central Intelligence Agency (CIA) am 25. August unter der Überschrift „CIA Red Cell Memorandum on United States exporting terrorism“, das Gedankenspiele bezüglich des Exports USamerikanischer Extremisten beinhaltet, eine Sammlung von 391.832 geheimen Dokumenten über den Krieg im Irak aus der Zeit von 2004 bis 2009. Den Dokumenten zufolge waren unter den 109.000 Opfern 66.081 Zivilisten. Es ist die größte Veröffentlichung von militärischen Dokumenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten und eine Sammlung von 251.287 internen Berichten und Lagebeurteilungen der US-Botschaften in aller Welt an das US-Außenministerium. Weitere Enthüllungen werden in den nächsten Wochen und Monaten folgen und für Angst und Schrecken unter den Diplomaten sorgen. Straftaten wie Mord, Erpressung und Entführungen von im Mittelpunkt der Enthüllungen stehenden Personen können nicht mehr ausgeschlossen werden. So werden einige Diplomaten sehr detailliert beschrieben und können damit leicht von den Jägern identi_ ziert werden.
  Die Veröffentlichung der geheimsten Daten mit einem besonderen Bezug zur USA hinterließen in den USA eine ähnliche Wirkung wie die Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Interpol hat auf Betreiben Schwedens gegen Assange eine sogenannte „Red Notice“ erlassen, die alle 188 Mitgliedsländer von Interpol zur Unterstützung bei der Festnahme und Auslieferung Assanges auffordert. Assange hat sich zwischenzeitlich den englischen Behörden gestellt. Er wurde verhaftet, gegen Erlag einer Kaution von rd. 240.000 € freigelassen und ist verp_ ichtet, bis auf Weiteres eine elektronische Fußfessel zu tragen und weitere Bedingungen einzuhalten. Derzeit gewährt der Journalist Vaughan Smi th Jul i an As s ange Unterschlupf.
Kann WikiLeaks technisch verhindert werden?
Nach der Verbreitung der geheimen Informationen über die Plattform WikiLeaks hat US-Präsident Barack Obama den Vize-Direktor für Informationsweitergabe im natio nalen Anti-Terror- Zentrum zum Beauftragen zur Verhinderung weiterer Datenlecks bestellt. Ferner leitete das US-Außenministerium erste Schritte ein, um seine Dokumente besser zu schützen und stoppte vorübergehend den Zugriff auf interne Dokumente durch das Regierungsnetzwerk Secret Internet Protocol Router Network (SIPRNet). Das SIPRNet sollte Dokumente des Außen- und Verteidigungsministeriums bis zur zweithöchsten Geheimhaltungsstufe sicher übermitteln. Angriffen von außen hielt das Geheimnetz stand, doch gegen Attacken von innen war das SIPRNet allem Anschein nach nur mäßig geschützt. Auf das Netzwerk hatten bislang rd. 2,5 Mio. US-Beamte und Soldaten Zugriff. Die Disziplin der Nutzer des SIPRNet ist die eine Maßnahme zum Schutz der Verbreitung von geheimen Informationen. Sobald jedoch Hacker zu den vertraulichen Daten gekommen sind, gibt es keinen wirklichen langfristigen Schutz gegen die Verbreitung der Informationen über WikiLeaks. Denn sobald von of_ zieller Stelle eine Verbreitungsadresse aufgespürt und gesperrt wurde, werden die Hacker versuchen, mit einer anderen Adresse, die bspw. über Foren publik gemacht wird, weitere geheime Daten zu veröffentlichen.
Terror oder bloß Information
Die Veröffentlichung von geheimsten Daten aus als sicher geltenden Quellen hat die Supermacht USA in ihren Grundfesten erschüttert und getroffen wie nach einem Terroranschlag mit Waffengewalt. So betrachtet, ist diese Art von Verbreitung von Informationen mit ihrer Wirkung einem Terrorakt mit Waffengewalt gleichzuhalten und kann auch als eine Art der asymmetrischen Kriegsführung angesehen werden, da hoch quali_ zierte Experten einem übermächtigen Gegner gezielte Schläge zufügen. Da diese Form des Terrors kostengünstig ist, kann daher davon ausgegangen werden, dass diese Art von Terror in den nächsten Jahren zunehmen und für eine zusätzliche Instabilität in der Welt sorgen wird.
  Auf der anderen Seite könnte man aber den Enthüllungen auch etwas Positives abringen. Blickt man in die Medien, so werden uns täglich zwar von allen Kon- _ iktherden Bilder übermittelt, aber der einfache Bürger kann dabei nicht den Wahrheitsgehalt überprüfen. Mit den Veröffentlichungen über WikiLeaks über die wahren Vorgänge abseits der of_ ziellen Darstellungen in den Medien, kann sich der Bürger ein eigenes Bild über die Vorgänge in der Welt machen. Dass dabei auch unterschiedliche Darstellungen möglich sind und die Vorgänge sich anders abgespielt haben könnten, rückt zwangsweise hochrangige Regierungsvertreter und Diplomaten in ein schräges Licht. All diesen Personen seien diese Veröffentlichungen aber ein Schuss vor den Bug, dass sich der einfache Bürger auf der Straße nicht für dumm verkaufen lassen will. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 2/2011 vom 21. Jänner

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