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rÜstung

Obst Karl-Heinz Leitner

Zukunft des Gefechts

Hilfsmittel und Ausrüstung für den Soldaten

Die Gefechte der Massenheere, Mann gegen Mann, in offener Feldschlacht gehören längst der Vergangenheit an. Der Soldat hat sich vom namen- und rechtlosen „Verbrauchsmaterial“ zur wertvollen Ressource gewandelt, die aufgrund ihrer Qualifikation in der Funktion als Kämpfer wert ist, geschützt zu werden. Daher haben beinahe alle Streitkräfte Programme initiiert, die dem Soldaten auf dem Gefechtsfeld sowohl den autonomen Kampf als auch das Zusammenwirken innerhalb der/des Teams erleichtern und ihm überdies alle Möglichkeiten bieten, das Gefecht zu überleben. 


Der „Soldat der Zukunft“ – oder „Soldat 2015“, wie das entsprechende Projekt beim Österreichischen Bundesheer heißt, sieht vor, den Soldaten
• Schutz zu bieten (Körper, Extremitäten, Kopf, Augen),
• gegen ABC-Bedrohungen zu wappnen,
• nachtsichtfähig zu machen,
• in das Kommunikationssystem einzubinden und
• jederzeit in die Lage zu versetzen, seine Position oder die seiner Kameraden feststellen zu
   können bzw. seine Positionsdaten an andere zu übermittlen.
Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit einer essenziellen Komponente, nämlich der Kommunikation, wobei ausschließlich die Verbindungsmittel von der Einheit abwärts bis zum Team behandelt werden.
  Für ein Kommunikationssystem sind einige grundlegende Parameter zu beachten.

Draht – Funk
Die erste Entscheidung, die zu treffen sein wird, ist jene, inwieweit in einem modernen Gefecht eine Drahtverbindung noch erforderlich ist. Möglicherweise kann eine Telefonverbindung noch in einem Verfügungsraum oder einem Bereitstellungsraum Verwendung finden und aus Gründen der Verschleierung der eigenen Position zweckmäßig sein. Sobald Bewegung ins Spiel kommt, kann nur noch eine drahtlose Verbindung zielführend sein. Dabei sind natürlich die physikalischen Grenzen durch die Gesetze der Ausbreitung von Wellen zu berücksichtigen.

Gewicht
Für jedes Konzept, das die Ausrüstung eines Soldaten betrifft, ist das Gewicht der einzelnen Komponenten eines der wichtigsten Faktoren. Weil was nützt der bestausgerüstete Soldat, wenn er sich aufgrund der zusätzlichen „Nutzlast“, die ihm aufgebürdet wird, auf dem Gefechtsfeld nicht mehr bewegen kann? Daher ist – entsprechend der zugeordneten Aufgabe – das optimale Kommunikationsmittel zu wählen: Tornisterfunksprechgerät, Handfunksprechgerät bis hin zu den Combat Net Radios. Für die Auswahl des besten Gerätes sind weitere Kriterien die Reichweite sowie die Energieversorgung.

Sicherheit
Als grundlegende Kriterien für jede Art von verwendeten Kommunikationsmitteln sind ebenso die Sicherheit bei der Informationsübertragung (Abhörsicherheit) unabdingbar wie die möglichst geringe Störanfälligkeit. Auch hier gilt die bereits oben erwähnte Regel, dass alle Maßnahmen sich nicht in einer zusätzlichen Gewichtsbelastung des Soldaten durch weitere Peripheriegeräte niederschlagen dürfen.

Konzept
Tragbare Funkgeräte können in der Hand getragen werden (sic!) oder in Taschen der Kampfweste, versorgt mit oder ohne Peripheriegeräten, verwendet werden.
  Mikrofon-/Ohrhörersysteme haben einerseits den Vorteil, dass die Hände frei sind und andererseits jenen, dass durch die Ohrhörer nicht nur die Kommunikation möglich ist, sondern auch eine Schutzfunktion für den Träger gegeben ist. Ein System, das bereits für handelsübliche MP3-Player gang und gäbe ist, erlaubt die selektive Filterung von Geräuschen. So ist es technisch absolut üblich, Hintergrundgeräusche, wie sie auf dem Gefechtsfeld permanent auftreten, herauszufiltern, Gespräche oder Befehle jedoch klar und deutlich zu übermitteln. Plötzlich auftretende Geräusche, wie z.B. Detonationen oder der Abschussknall von Waffen, werden unterdrückt und damit das Hörsystem des Trägers geschont.
  Ein Nachteil dieses Systems liegt darin, dass die im Hörgang des Soldaten befindlichen Komponenten für den jeweiligen Träger individuell angepasst werden müssen, um bei längerer Verwendung ein unangenehmes Druckgefühl zu vermeiden. Das ist entsprechend aufwendig und kostenintensiv und stellt die Logistik bei der Beschaffung von Ersatz vor besondere Herausforderungen. Das beste Kommunikationsmittel kann seinen Zweck nicht erfüllen, wenn es nicht getragen wird.
  Das neueste Produkt in der Palette ist das sogenannte Bone Conduction Voice Transmission-System. Dabei werden sowohl für das Senden (Sprechen) als auch die akustische Aufnahme (Hören) von Informationen die Schwingungen des Schädelknochens verwendet. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass ein Verrutschen des Mikrofons vor dem Mund nicht möglich ist, weil es nicht vorhanden ist und überdies entfällt die kostenintensive Anpassung der Hörstöpsel für den einzelnen Benutzer. Der Nachteil liegt darin, dass ein gesonderter Gehörschutz bereitgestellt werden muss.

Integriertes System
Wie in der Aufzählung am Anfang dieses Beitrages bereits erwähnt, ist die Fähigkeit zur Kommunikation nur ein Teilaspekt all jener Befähigungen, über die ein Soldat moderner Provenienz verfügen soll. Das verwendete Kommunikationssystem hat auf jeden Fall zu allen anderen Komponenten zu „passen“. So müssen die einzelnen Teilsysteme untereinander Signale oder Daten austauschen können (Schnittstellendefinition). So sollen z.B. die aktuelle Standortmeldung eines Navigationsgerätes oder Zieldaten, die mit Hilfe eines Entfernungsmessers ermittelt wurden, über das Kommunikationssystem an den jeweiligen Bedarfsträger (Teamleader, Feuerleittrupp etc.) übermittelt werden. „Passen“ muss ein derartiges Funksystem auch im herkömmlichen Sinn. Zum Helm z.B. oder auch zur Schutzmaske. Wenn die Wirkung oder die Funktionsweise dieser Teile durch das Kommunikationssystem beeinträchtigt wird, hat der Träger ein Problem.
  Aus diesem Grund ist bei der Beschaffung eines Kommunikationssystems auf die Kompatibilität – sowohl in technischer als auch in mechanischer Hinsicht – besonderes Augenmerk zu legen. Dabei können zwei Wege beschritten werden, die beide zum Ziel führen können:
  Zum einen kann man sich auf dem Markt einen Überblick verschaffen, sich die besten und kostengünstigsten Teile beschaffen und das System dem eigenen Bedarf optimal angepasst zusammenstellen. Dies bedingt jedoch einen erhöhten Aufwand an Tests und Erprobungen, was sich natürlich wieder in einem zusätzlichen finanziellen Bedarf niederschlägt.
  Der zweite Weg ist die Beschaffung eines Komplettsystems von einem Anbieter. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass die einzelnen Komponenten zueinander weitestgehend kompatibel sind. Der Nachteil daran ist aber, dass man mit den Vorgaben des Anbieters leben muss und eventuell seine Verfahren an die technischen und materiellen Gegebenheiten des Anbieters anpassen muss. Modifikationen, die eine Streitkraft als Kunde in einem solchen Fall wünscht, schlagen sich natürlich dementsprechend zu Buche.

Zusammenfassung
Moderne Gefechtsfeld-Kommunikationssysteme haben heute einen Entwicklungsstand erreicht, der dem Benutzer erlaubt, diese Systeme nicht nur zur Sprachübermittlung zu nutzen, sondern über diese Geräte den gesamten wichtigen Datentransfer abzuwickeln – und das bei einer relativ hohen Störresistenz sowie einer geringen zusätzlichen Gewichtsbelastung für den Soldaten.
  Aufgrund der rasch fortschreitenden technologischen Entwicklung eröffnen sich auf dem Gebiet der Kommunikationsmittel für die Zukunft heute noch ungeahnte Möglichkeiten. Lassen wir uns überraschen. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 5/2011 vom 9. März

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